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Frauenmangel und AOL-CDs: Das Entwickler-Business vor 20 Jahren

Stephan Weissenberger

Es gibt Dinge, die funktionieren nur miteinander. Pommes mit Mayo zum Beispiel. Oder Ebbe und Flut. Und natürlich: Zukunft und Vergangenheit. Zukunft? Klar, Teil der CAMAO TEC-DNA. Können wir, machen wir, lieben wir, jeden Tag aufs Neue. Doch Zukunft versteht nur, wer auch die Vergangenheit kennt.* Also haben wir uns einen erfahrenen CAMAO geschnappt und befragt. Zu seinem Fachbereich und dem Daily Business, zu Hoffnungen und Hindernissen – und zwar heute vor 20 Jahren.

Stephan Weißenberger, Head of Software Development, der freute sich so sehr auf diese Retrospektive, dass er sogar sein erstes Programmierbuch mit zum Fototermin brachte. Let's go:  

Stephan, wie sah ein normaler Tag im Leben eines Software-Entwicklers im Jahr 2001 aus?

Meine Umgangssprache ist relativ derbe – darf ich beschissen sagen? All die Annehmlichkeiten, die wir heute haben, zum Beispiel automatische Codeprüfung auf Fehler und einheitliche Richtlinien, dazu öffentlicher Quellcode, den jeder nutzen darf oder eine Codeverwaltung, bei der mehrere Developer stressfrei am gleichen Projekt arbeiten ... sowas gab es nicht. Wenn du etwas nicht wusstest, musstest du es selbst herausfinden oder einen erfahrenen Kollegen fragen. Der war aber nur erfahren, weil er vorher auf den Basic-Tagen war und da mit jemandem zufällig darüber gesprochen hat. Ansonsten musste man Bücher lesen oder die offizielle Dokumentation von der CD, die es von Microsoft gab.

Das klingt wirklich paradiesisch! Doch jetzt stell dir mal vor, wir hätten 2001 schon Informatik an Grundschulen unterrichtet. Würden wir dann heute im digitalisierten Wunderland leben?

Ich wünschte es mir, glaube aber nicht daran. 2001 war eine furchtbare Zeit. Es gab AOL auf CD und das Internet war nur dazu da, um miserable Webseiten selbst zu basteln. Wikipedia wurde 2001 gegründet. Es gab nur wenige recht elitäre Seiten im Internet zu Informatik. Von den Lehrkräften wäre so viel erwartet worden, was diese niemals hätten leisten können. Oder der Unterricht wäre so rudimentär gewesen, dass es sich kaum gelohnt hätte.

Heute gibt es Online-Kurse, Bootcamps und unzählige Ausbildungsbetriebe, die alle danach lechzen, Leute zu Entwickler:innen zu machen. Ist es daher heutzutage einfacher, in den Beruf einzusteigen? Oder war das früher einfacher, weil eh noch niemand so richtig wusste, was man da eigentlich gemacht hat?

Es ist leichter geworden, auf jeden Fall. Die Einstiegshürde ist geringer und viel mehr Menschen kommen heute zu uns, weil sie lernen wollen, was man mit Computern machen kann, außer darauf zu spielen. Zum Glück auch endlich mehr Frauen, die durch Initiativen wie den „Girls Day“, „Komm, mach MINT“ oder „FuB (frau und beruf)“ ebenfalls Zugang finden und ihrer Leidenschaft frönen dürfen.

Du bist mittlerweile auch schon 14 Jahre im Business. Hand aufs Herz: Wie wertvoll ist die Ressource „Erfahrung“ in einem so schnelllebigen Berufsfeld? Lässt sich das eigene Hirn auch auf Dauer gut darauf trainieren, sich immer wieder neu in Dinge einzuarbeiten – oder wünscht man sich irgendwann etwas mehr ... Beständigkeit?

Erfahrung ist das wichtigste, denn Software-Entwicklung verändert sich regelmäßig, die Sprachen, die Technologien, die Ausgabegeräte. Was sich nicht verändert, ist die Architektur, die Kommunikation mit dem Kunden, das Arbeiten mit dem Menschen. Das ist dann die Erfahrung, die jeder mitbringen und mit den Jahren steigern kann.

Angenommen, du könntest ins Jahr 2001 zurückreisen und eine Sache aus deinem Kompetenzbereich ändern. Welche wäre das?

Ich würde mir schon 2001 mehr Frauen in der IT wünschen. Wenn ein Berufsbild von nur einer Seite dominiert wird, bekommt man auch nur eindimensionale Ideen. Heißt: Sobald sich der Beruf öffnet, steigt die Vielfalt, und die Ideen und Lösungen werden besser. Aktuell rennen wir diesem Problem hinterher und müssen uns derbe anstrengen. Wäre das vor 20 Jahren schon passiert, wäre heute alles besser.

Zum Abschluss mal ein kritischer Blick über den Tellerrand: Als Menschheit haben wir ja aktuell den Herd ordentlich voll mit Scheiße. Wie groß siehst du das Potenzial von Software/Code/Programmierung als Teil der Lösung für unsere aktuellen Probleme und Herausforderungen?

Ich wünschte, ich könnte dir das beantworten. Dieses eine Ding, das alles ändert und für uns den Karren aus dem Dreck zieht, das gibt's leider nicht. Ich glaube stattdessen, dass jeder etwas tun muss. Jeder muss sich und sein Verhalten ändern. Und wenn ich durch die Software, die ich schreibe, einen Beitrag dazu leisten kann, dann mache ich das liebend gerne.

Stephan, wir bedanken uns für diesen interessanten, ausführlichen – und vor allem schonungslos ehrlichen - Rückblick.

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